„Sehnsucht nach Freiheit“ – Erich-Brost Pavillon, 29. September 2026
„Sehnsucht nach Freiheit“
Gesprächsabend mit Leslie Mandoki
im
Erich-Brost Pavillon
auf Zeche Zollverein
am
29. September 2026
Grußwort von
Prof. Bodo Hombach
Verehrte, liebe Gäste jedweden selbst gewählten Geschlechts,
verehrte, liebe ..…!
Die Meute der Regelwerker, Sittenwächter und Aufpasser konnte Sokrates zum Schierlingsbecher zwingen. Eine andere Überzeugung konnte sie ihm nicht aufdrängen.
Man kann einen Menschen zum Schweigen bringen. Man kann ihn töten. Man kann ihn nicht zwingen, etwas für wahr zu halten, was er als falsch erlebt.
Platons Erzählung von dieser Todesstunde hat die ethisch begründete Freiheit ins Herz der europäischen Kultur gepflanzt. Wie ein positiver Virus geriet die in den Kreislauf des Denkens. Aus Denken wurde nach und nach Handeln. Freiheit wurde Licht in der Nacht Anspruch und Weltnorm.
Despoten scheitern daran. Allerdings oft erst nach furchtbaren Konvulsionen missbrauchter Macht. Und leider nie ein für allemal.
Freiheit ist Wunsch und Versprechen. Die Einlösung ist unaufhörliches Absichern und Ringen. Erfahrungsgemäß wächst der Wille zum Frieden und zur Freiheit mit dem Erleiden des Gegenteils. Erfahrungsarmut macht gefährlich leichtsinnig.
Die älteste Erzählung unserer Kultur beginnt mit einer bemerkenswerten Reihenfolge:
Gott führt sein Volk aus der Sklaverei. Erst danach gibt er ihm Regeln. Unter den Zehn Geboten findet sich kein eigenes Freiheitsgebot. Es schien wohl nicht nötig. Ordnung begann nach der Befreiung. Erst Freiheit, dann Regeln. Eine liberale, nicht ganz aktuelle Reihenfolge.
Es führte ein steiniger Weg zu den modernen Menschenrechten und zur Charta der Vereinten Nationen. Immer steht Freiheit neben dem Recht auf Leben ganz vorne.
Immer schon die Frage: Was ist Freiheit?
Martin Luther hat darüber in seiner Schrift „Freiheit eines Christenmenschen“ nachgedacht.
Freiheit Wovon? Und Wozu? Das wirkte 1520 wie die Entdeckung eines neuen Kontinents.
Freiheit nicht nur von etwas, sondern auch für und zu etwas.
Wie Menschen das deuten, ist einander nicht immer ähnlich. Es hängt vom Menschenbild ihrer Kultur, ihrer Religion, ihrer Gesellschaft und ihres Staates ab.
Das lässt sich an Amerika beobachten. Freiheit wurde und ist dort dominanter Gründungsmythos. Das vehemente Freiheitspostulat lebte von Anfang an mit unverdeckten Widersprüchen.
Thomas Jefferson schrieb feierlich, alle Menschen seien gleich geschaffen und mit einem unveräußerlichen Recht auf Freiheit ausgestattet. Zur gleichen Zeit hielt er auf seiner Plantage in Virginia rund 200 Menschen in Sklaverei. Über sein Leben hinweg waren es mehr als 600. Eine der großen Freiheits-Paradoxien.
Das universelle Freiheitspostulat gilt als unantastbar und unbedingt. Seine Anwendung nicht.
Das ist nicht nur amerikanische Eigentümlichkeit. Schwer zu erklären. Aber folgenreich. Bis heute prägt dieser Widerspruch Weltgeschehen und unsere Lebensrealität. Allerdings gehört der Umgang mit Widersprüchen zur Freiheit.
Der Freie weiß: Die Formeln des Lebens gehen nie restlos auf. Das Gegenteil der Wahrheit ist manchmal nicht ganz falsch. Deshalb lässt der Freie ein Quantum Chaos zu. Er braucht seine Rumpelkammer. Dort ist nicht alles übersichtlich. Aber manchmal findet sich dort etwas, was dringend gebraucht wird. Der Freie liebt das „Sowohl-als-auch“. Er misstraut dem „Entweder-oder“. Wie im biblischen Gleichnis lässt er das Unkraut zunächst mitwachsen. Wer weiß denn, ob daraus nicht doch noch ein Heilkraut wird.
Bertolt Brecht hat uns ins Poesiealbum geschrieben:
„Es geht auch anders, aber so geht es auch.“
Das bedeutet nicht Orientierungslosigkeit. Der Freie hat ein Ziel. Aber er weiß: Es gibt mehr als einen Weg dorthin. Und genau diese Offenheit macht Freiheit verletzlich. Freiheit war nie ungefährdet.
Die Methoden ihrer Gefährdung haben sich verändert.
Es gab die vulgäre Methode: Kerker. Zensur. Politische Verfolgung.
Es gab die raffiniertere: Propaganda. Manipulation. Gelenkte Öffentlichkeit.
Die Instrumente der Freiheit lassen sich gegen sie selbst missbrauchen. Wer die demokratische Gegenwehr durch Spaltung statt Versöhnung schwächt, erleichtert das.
Es gibt übrigens auch Gefährdung aus gut gemeintem Übermaß. Ein vernünftiges Ziel kann maßlos werden, wenn es ideologisch oder moralisch getrieben wird. So verliert es Bodenhaftung und den mehrheitlich demokratischen Anschluss.
Man beobachtet es z.B., wenn einzelne Handlungen zum Maßstab bürgerlicher Achtbarkeit werden. Dann genügt es nicht mehr, Recht und Gesetz zu achten. Verantwortung für andere zu übernehmen. Seinen Beitrag zum Gemeinwesen zu leisten. Es wird gefragt: Wie heizt er? Wohin reist er? Was isst er? Welches Auto fährt er? Welchen ökologischen Fußabdruck hinterlässt sein Alltag? Aus dem Bürger wird ein Emittent. Aus dem selbstbestimmten Leben wird ein fortwährender Rechtfertigungsvorgang.
Natürlich braucht eine Gesellschaft vernünftige Regeln. Natürlich muss sie auf Folgen achten. Anreize können nützlich sein. Aber Selbstbestimmten Leben ist kein fortwährender Rechtfertigungsvorgang.
Eine freie Gesellschaft lebt von der Anerkennung unterschiedlicher Lebensentwürfe. Sie lebt von der Zumutung, dass andere anders leben, denken und fühlen und ihre Interessen haben.
Wer Menschen überwiegend als Schuldner gegenüber „dem Planeten“ anspricht, erzeugt irgendwann nicht mehr Verantwortung, sondern Abwehr. Dann Trotz. Und schließlich eine soziale Spaltung, die vernünftige gemeinsame Anstrengungen untergräbt.
Es erwächst gerade auch neue Gefahr:
-nicht aus der Politik.
-aus der Technik.
„Die Gedanken sind frei“, singen Generationen. Das wunderbare Lied beschreibt den Kopf als letzten Raum menschlicher Freiheit.
Und nun tritt mit der künstlichen Intelligenz etwas auf, das uns Denken nicht verbietet, sondern abnimmt. Verführerisch bequem und deshalb gefährlich. Die Gedanken sind frei. Aber sind es noch meine? Die klassische Unfreiheit hasste eigene Gedanken.
Die digitale Unfreiheit kann sie überflüssig machen. Eine Brandmauer dagegen ist nicht aufgebaut. Wir müssen sehr wachsam sein. KI darf unsere Köpfe nicht beherrschen.
Freiheitsgefährdung droht allerdings nicht nur durch Algorithmen, Verbote oder moralischen Abwertung, sondern auch durch politische Entfernung. Ich will dafür einen Begriff versuchen:
Drohnenpolitik.
Drohnenpolitik wird aus politischer Etappe gelenkt. Dort kennt man und bestärkt sich. Man sieht das Land auf Bildschirmen. Man verfügt über Landkarten aus hauseigener Programmierung. Die Drohne überfliegt Regionen und Menschen. Von oben sieht sie erstaunlich viel. Wie es sich unten anfühlt, erlebt sie nicht. Natürlich soll demokratische Politik führen. Sie darf nicht jeder Stimmung hinterherlaufen. Sie muss gelegentlich sogar gegen verbreitete Stimmungen entscheiden. Das ist politische Verantwortung.
Aber sie darf keinesfalls den Anschluss an die mehrheitliche demokratische Willensbildung verlieren. Freiheit erschöpft sich nicht darin, seine Meinung sagen zu dürfen. Zur politischen Freiheit gehört die begründete Erwartung, dass die eigene Stimme – gemeinsam mit den Stimmen der anderen – etwas bewirken kann.
Wo Politik überwiegend sendet und kaum empfängt, entsteht Entfremdung. Der Bürger erlebt sich nicht als Mitwirkender. Er erlebt sich als Überflogener. Man darf wählen. Man darf reden. Man darf protestieren. Alles ist vorhanden. Die formalen Rechte bestehen fort. Nur die Erfahrung der Wirksamkeit schwindet. Das nimmt den Menschen nicht das Wahlrecht. Aber nimmt ihnen das Gefühl ihrer Relevanz. So entsteht Reaktanz als trotziger demokratischer Reflex.
Auch das ist eine der großen Freiheitsfragen unserer Zeit. Früher musste Freiheit vor denen geschützt werden, die sie offen abschaffen wollten. Heute müssen wir sie zusätzlich vor Entwicklungen schützen, die Freiheit nicht abschaffen wollen. Vor dem moralisch gemeinten Übermaß. Vor der Bequemlichkeit des delegierten Denkens. Und vor einer Politik, die immer öfter aus der Berliner- Etappe Überflüge steuert, aber immer weniger spürt, wen sie steuert.
Die Gefahren sind raffinierter geworden. Unsere Aufmerksamkeit muss es auch werden. Denn am Ende bleibt die älteste Erfahrung:
Freiheit verschwindet selten an einem einzigen Tag. Meist gewöhnt man sich Stück für Stück an ihr Schwinden.
Sokrates konnte man den Schierlingsbecher reichen. Seine Gedanken konnte man ihn nicht nehmen.
Nach zweieinhalb Jahrtausenden ist der entscheidende Maßstab:
Frei ist, wer selbst denkt und merkt, dass seine Stimme zählt.
Das Universum hat durch den Funken des menschlichen Lebens und Geistes etwas erschaffen, das sich selbst betrachten kann. Ein kosmischer Akt der Freiheit. Der hat die unsrige überhaupt erst ermöglicht.
Dank dafür!
Welchem Gott auch immer!