Grußwort Stiftungstag – Erich Brost-Pavillon, Zeche Zollverein, 3. September 2026

Grußwort
Stiftungstag
Prof. Bodo Hombach

Erich Brost-Pavillon – Zeche Zollverein

Verehrte, liebe Gäste,
liebe Freundinnen und Freunde unserer Arbeit, Partner und Unterstützende,
verehrte, liebe Gäste jedweden selbst gewählten Geschlechts,
Ihnen allen zunächst ein großer Dank!

Wir werden mehr! Und wir werden besser! 2011 gegründet, erlebt unsere Stiftung ihr 15. Jahr.   Das erlaubt Erinnerungen. Unser „Urknall“ war das Testament der Anneliese Brost. Morgen wäre ihr 106. Geburtstag. Den 90. durfte sie noch hellwach erleben.
Zu diesem Anlass gab sie der WAZ ein großes Interview. Mit erfahrener Bestimmtheit sprach sie über unternehmerisches Ethos. Und darüber, was sie Menschen und der Region wünscht. Ein geistiges Vermächtnis! Ihr materielles Vermächtnis stellte dafür die Weichen. Mir traute und vertraute sie die Umsetzung zu und an. Ich empfinde das als heilige Verpflichtung. Vier Tage nach ihrem Geburtstag ist sie gestorben. 

Unser Stiftungstag liegt dicht an diesen erinnerungswürdigen Daten. Wir bewahren nicht Vergangenes. Wir tragen den Willen eines Menschen in die Zukunft. Ihr Interview ist dafür Dokument. 
Wer uns im Zeissbogen besucht, kann es im Eingangsbereich lesen. Nicht nur als Denkmal. 
Als Ermutigung für jene, die Verantwortung übernehmen und Wirkung entfalten wollen. So ist auch die Brost-Stiftung nicht nur Institution. Sie ist die fortwirkende Idee einer außergewöhnlichen Frau. Sie verband unternehmerischen Erfolg mit gesellschaftlicher Verantwortung.

Ihre Stiftung wird dem gerecht: 

  • nicht, indem sie nur verwaltet, sondern indem sie gestaltet;
  • nicht, indem sie nur fördert, sondern Menschen, Ideen und Initiativen im Ruhrgebiet zusammenbringt.

Sie ist kein Poesiealbum für gute Absichten. Sie ist ein Werkzeug für Wirkung.

Das vorliegende Jahrbuch zeigt das. Es ist mehr als eine Pflichtbilanz. Es würdigt Menschen, die dafür sorgen, dass unsere Stiftung aus gutem Willen ein gutes Werk macht.
Goethe soll gesagt haben: „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Ein schöner Satz. 
Er hat allerdings eine Bedingung: Es braucht Menschen, die die Steine tatsächlich wegtragen.
Ideen sind geduldig. Wirklichkeit verlangt Arbeit.

Hier danke ich den Vorstandskollegen: Die machen aus Ideen Entscheidungen und aus Entscheidungen Taten.
Und den Kuratoriumsmitgliedern, die unsere Arbeit kritisch begleiten. Sie sorgen dafür, dass wir den Blick über den Tellerrand hinaus richten. Kritik ist kein Störgeräusch. Sie ist notwendige Begleitmusik verantwortlichen Handelns.
Dank gilt auch den Mitgliedern unserer beratenden Gremien. Im Sozialausschuss übergab Prof. Dr. Jürgen Rüttgers den Stab an Prof. Dr. Nagel. Beide standen und stehen für Wissen und Urteilskraft. Die Landtagsabgeordnete Ina Blumenthal ergänzt und bereichert diese aktive Gruppe mit ihrer politischen Erfahrung und Perspektive.
Und dann gibt es noch jemanden, der uns auf einem Gebiet besonders kompetent macht, auf dem Kompetenz bekanntlich nicht schaden kann: Prof. Dr. Andreas du Bois berät uns bei Projekten mit medizinischen Aspekten.
Ihnen allen, den neuen und selbstverständlich auch den bisherigen aktiven Helfenden, gilt mein ganz großer Dank. Sie stehen für das „Wir“ der Stiftung, für Ideen und Ziele.  

Die Steine müssen bewegt werden. Wir wollen sie nicht einfach beiseitelegen. Wir wollen mit den Steinen, die uns im Weg liegen, etwas Tolles bauen. Wer nur Hindernisse sieht, bleibt stehen. Wer Möglichkeiten sieht, baut weiter.

Auch die klugen und engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung und der Palladio-Gesellschaften machen aus Plänen Wirklichkeit. Sie organisieren die Projekte, sie begleiten sie. Einige sorgen dafür, dass wir die finanziellen Möglichkeiten haben, um Gutes zu tun. 

Die Stiftung steht wirtschaftlich auf zwei Beinen: 
Immobilien und eine umsichtige Anlagestrategie.

Beide Bereiche liefern sehr gute Ergebnisse. Auf Papier sind das nüchterne Zahlen. In der Praxis braucht es Menschen, die sich kümmern, rechnen, entscheiden, Chancen erkennen und Risiken vermeiden. Das Ruhrgebiet verfügt über eine bemerkenswert bodenständige Wirtschaftstheorie: Ohne Moos nix los.
Vermögen ist das, was man vermag. Ich danke allen, die organisieren, ordnen, unsere wirtschaftliche Grundlage erhalten und weiterentwickeln. Wir haben einen Widerwillen gegen „totes Kapital“. Wir alle zusammen sorgen dafür, dass es lebendig wird. Wir warten nicht darauf, dass die Zukunft über uns kommt. Wir anerkennen und bearbeiten Realitäten.

Zeitenwenden beginnen selten mit einem Knall. Sie beginnen mit dem schleichenden Verlust von Selbstverständlichkeit. Es sind merkwürdige Zeiten. Menschen erfüllen Pflichten mit eingeübter Disziplin. Die Welt erledigt ihre Geschäfte mit der Routine eines langen Friedens. Sie sieht aus wie gestern. Nur die Zukunft fühlt sich nicht mehr so an. Der Alltag behauptet seine 
Ordnung, während das Vertrauen in diese Ordnung schwindet. Es geht fester Boden verloren. 
Nicht laut. Eher als kaum wahrnehmbares Schwanken. Das wirkt zunächst wie Einbildung. Dann bemerkt man, dass auch andere den Schritt vorsichtiger setzen.
In seinem epochalen Hörspiel „Träume“ beschrieb Günter Eich ein Haus, dessen Mauern noch stehen. Aber die Bewohner hören ein leises Knacken im Gebälk. Dennoch decken sie den Tisch, als sei nichts geschehen. Das ist das Kennzeichen unserer Zeit: Nicht die Katastrophe, sondern das Bewusstsein ihrer Möglichkeit. Wir sollten auf das leise Knacken achten. Aber statt Angst zu schüren, die nur lähmt, sollten wir stabilisierendes Handeln ermöglichen.
Eine Gesellschaft lebt davon, dass sie Menschen hervorbringt, die in unsicheren Zeiten das Richtige tun. Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die trotzige Weigerung, sich von ihr lähmen zu lassen. Wir haben nur diese Zeit! Wir sind definitiv NICHT „die letzte Generation.“ Es gibt mehr Zukunft, als wir es uns heute vorstellen können.  
So sind wir weder energie- noch rohstoffarm! Vorsicht machte uns aber Rohstoff- und EnergieSELEKTIV!  Wir importieren und das muss eben TEUER bezahlt werden!

Wir lernten: Wer den Untergang erwartet, wird Leben und Politik seine Vorstellungen aufdrängen. Die Bibel kennt die Apokalypse. Für unser kulturelles Gedächtnis hat Dürer ihre Bilder geschaffen. Er zeichnete den Weltuntergang, bevor es dafür einen Rundfunkbeitrag gab.
Sein berühmter Holzschnitt von 1498 zeigt die Macht Apokalypse zu Pferde. Die marodiert durch alle Epochen. Die Kostüme wechselten. Das Geschäft blieb. Sie handeln mit Angst. Das ist eine erstaunlich profitable Währung.
Sie treten auf als Mahner, als Warner, als Seher. In Wahrheit sind sie Großhändler der Verunsicherung. Von ihnen gingen nie Mut, Zuversicht oder Aufbruch aus. 
Sie hinterlassen verschüchterte Gemüter, keine bessere Welt! Wer unablässig Teufel an die Wand malt, verdient keinen Beifall, sondern Hohn.
Auch Dürer hat diesen Schritt vollzogen. Er zeichnete später, ein ANDERES Szenario: den Ritter. Daneben der verwesende Tod mit seiner Sanduhr. Hinter ihm der groteske Teufel. Der Ritter lässt sich von Bedrohungen seine Richtung nicht vorgeben. Er reitet weiter. Er hat eine Rüstung! UNSERE Angst vor Rüstung und Nachrüstung hat das Böse offenbar nicht abgeschreckt. Eher ermuntert!
Wenn der eigene Widerstand schwächer wird, wächst beim anderen die Versuchung, Grenzen auszutesten. Friede braucht guten Willen. Er braucht auch die Fähigkeit, sich zu verteidigen. So ist es immer gewesen.
Immer hat es irgendwo zu heftig gebrannt. Immer hat es irgendwo gebebt. Immer hat irgendwo das Böse eine Grenze überschritten. Mal war es zu kalt, mal zu heiß. Mal quälten Viren, mal Insekten, mal beißende Tiere. Die Welt war nie risiko- und beschwerdefrei. Sie war immer nur voller Menschen, die gelernt haben, daraus das Beste zu machen. Die Menschheit hat vor dieser Welt NICHT resigniert. Sie hat Städte gebaut, Krankheiten besiegt, Kontinente erschlossen, Wissen vermehrt und Wohlstand geschaffen. Sie wird damit nicht aufhören. Trotz Schwarzmalern. Wahrscheinlich sogar: wegen ihnen. Fortschritt entsteht nicht, weil es leicht ist. Er entsteht, weil Menschen sich weigern, das Schwierige für endgültig zu halten.

Irgendwo haben immer Völker einem Zeitgeist widerstanden, der bange macht und der das Negative zum Normalfall erklärt. So etwas ermüdet die Guten und frustriert ihren Gestaltungswillen. Dürers Ritter ist keine Resignation vor Angstmachern. Er ist ihre Verhöhnung. Er will sagen: Lasst euch von Unkenrufen nicht einschüchtern. Gebt ihnen nicht die Möglichkeit, über eure Richtung zu bestimmen. Wer seine Richtung kennt, muss nicht jedes Gespenst ernst nehmen. Dürers Ritter reitet weiter. Genau das werden wir auch tun!

In aller Bescheidenheit: Wer heute in diesen Saal gekommen ist, um dem Traum der Anneliese Brost etwas eigene Lebenszeit zu spenden, gehört irgendwie dazu!

Ich danke Ihnen.

3. September 2026