„Das Internet verändert unser Leben“ mit Prof. Dr. Caja Thimm – Uni Bonn, 12. Dezember 2012

Medien –
insbesondere das Internet und die
Wirkungen auf Politik und Gesellschaft
Gast: Prof. Dr. Caja Thimm
12. Dezember 2012 Wintersemester 2012/13

 

Meine Damen und Herren,

im Internet werden grundlegende menschliche Standards neu formuliert. Ein Spaßmacher hat es so beschrieben:

Damit heutzutage ein Mensch entsteht, sind komplizierte Voraussetzungen nötig. Zwei Leute lernen sich in einem „Chatroom“ kennen. Man trifft sich später in einem „Cyber Café“. Irgendwann kommt es zum „Downloaden“. Wenn die „Firewall“ nicht installiert wurde oder veraltet ist, nützt kein „Delete“ oder „Escape“. Man kann nur noch die „Enter-Taste“ drücken. Das führt zur Meldung: „Geschätzte Upload-Zeit: neun Monate…“

Spaß beiseite.

Das weltweite Netz lässt uns nicht in Ruhe. Das wird noch eine Weile so sein. Ich bin froh, dass es so ist. Wer noch vor zwei, drei Jahren die große Gesellschaftsdebatte über das neue Medium anmahnte, konnte sich auf höhnische Kommentare verlassen. Man musste ziemlich tapfer sein, um die zugewiesene Rolle des Gestrigen zu spielen, der den jugendlichen Wildling „Internet“ auf den Prüfstand abendländischer Tugenden stellen wollte. Inzwischen schallt vieles aus dem Wald heraus, was man damals hineingerufen hat. Der Diskurs hat begonnen. – Unser heutiges Treffen ist ein weiterer Beitrag.

Es geht nicht darum, das Neue an die Kette zu legen. Aber jedermann sollte seine Bedeutsamkeit erkunden und erkennen. Ich glaube nicht zu übertreiben. Das Internet ist vergleichbar mit der Erfindung des Buchdrucks vor 500 Jahren. Jener hatte einige Generationen Zeit, sie zu entfalten. Das „WWW“ treibt uns vor sich her.

In Kürze feiern wir den kleinen Augustinermönch aus Wittenberg und seine 95 Thesen. Die hätten nur ein universitäres Staubwölkchen und vielleicht die Rauchwolke eines Scheiterhaufens erzeugt. Aber seit Kurzem gab es die beweglichen Lettern des Herrn Gutenberg. Innerhalb von 14 Tagen war Luthers „Blog“ im ganzen Reich verbreitet. Der Sturm aus Papier und Druckerschwärze war nicht mehr einzufangen. Er fegte über Europa hinweg: Eine Art geistig-kulturell-politische „Kathrina“ oder „Sandy“, die man später „Reformation“ nannte.

Noch wissen wir wenig über das neue Medium „Internet“. Erste Mechanismen und Wirkungen verändern unser aller Alltag. Noch überwuchern anarchische Eigenschaften die Realität. Wie üblich bei Startphasen: Missionare und Apokalyptiker schreien sich an. Aber so viel ist schon klar: Es wird die Lebensverhältnisse auf dem Globus massiv verändern.

Nur ein paar Sätze und Thesen. Sie werden sie beliebig ergänzen können:

Verzögerungsfreie Übertragung und unbegrenzte Speicher ermöglichen eine ex-plosive Ausweitung der Kommunikation. Sie überschreitet praktisch alle Grenzen von Zeit und Raum. Ihr Ort ist die ganze Welt. Und die dringt ungehemmt in den Privatbereich ein, wo sich der Nutzer noch unbeobachtet glaubt.

Das zentrale Stichwort heißt: „Entgrenzung.

• Weiteste Entfernungen werden zur unmittelbaren Nachbarschaft.
• Der zeitliche Abstand zwischen Ereignis und Wahrnehmung schrumpft gegen Null.
• Herrschaftswissen ist nur noch Illusion.
• Ungleichzeitige Kulturen prallen ungeschützt aufeinander. Das führt zu irrationalen Reaktionen.
• Menschenmassen ballen und organisieren sich auf Zuruf zu mächtigen Bewegungen.
• Unbegrenzte Speichertechnik annulliert die menschlichste unserer Eigenschaften: das Vergessen.

Das Internet ignoriert gewachsene Traditionen und Tabus. Das bedeutet zunächst einen enormen Freiheitsschub. Alte Staus können sich auflösen. Moralische Engpässe behindern nicht länger emanzipatorische Entwicklung. Der Austausch von Informationen muss nicht mehr an technischen Faktoren scheitern.

Andererseits lagen die wesentlichen Probleme immer in den Köpfen und nicht in der Begrenztheit äußerer Mittel. So ist das neue Medium auch Treibhaus für Verschwörungstheoretiker, Demagogen und verwirrte Welterlöser. Kriminelle finden ein weites Betätigungsfeld.

Es wimmelt von ergiebigen Fragen:

• Erzeugt das Übermaß an virtueller Gegenwart eine „geschichtliche Demenz“, der wichtige Erfahrungen abhandenkommen?
• Haben Diktatoren hier einen neuen „Volksempfänger“ für Manipulation und nun auch noch Ausforschung? Jeder sein eigener IM. Die Mielkes aller Zeiten hätten sich das nicht träumen lassen.
• Schlägt Quantität wirklich um in Qualität?
• Erhöht sich Glaubwürdigkeit, wenn wir in riesigen Datenmengen stöbern?
• Sind ethische Standards das Ergebnis mathematischer Algorithmen?
• Werden wir ständig klüger, nur weil wir nichts mehr vergessen?

Die Neuen Medien haben den Charme einer Naturgewalt. Sie sind das Werkzeug der unbegrenzten Möglichkeiten. Sie liegen aber auch in der Hand eines Lebewesens mit begrenzten Unmöglichkeiten. – Sie haben z. B. den Arabischen Frühling ermöglicht. Aber wie macht man aus der Bewegung die Stabilität eines modernen Staatswesens?

Die junge Generation erlebt ganz neue Prägungen. Die Starken nutzen die große Maschine und werden schneller denn je erwachsen. Allein weil sie Antworten erhalten, ohne die dazu gehörigen Fragen erlebt zu haben.

Die Schwächeren überwältigt die inszenatorische Macht der Angebote. Sie verlängern ihre Infantilität durch ein sorgsam gehütetes Realitätsdefizit. – Der Saldo wird erst in den nächsten Generationen gezogen.

Eines ist klar: Wir erleben die erregenden Signale eines ungeheuren Anfangs, der uns ohne Gebrauchsanweisung geliefert wurde. Wir erleben die Begleiterscheinungen eines zivilisatorischen Umbruchs, der sich seine Regeln erst schaffen muss. – Aber sind nicht alle Regeln und Ordnungsformen utopisch, wenn es keine Welt-Autorität mehr gibt, die sie technisch durchsetzen könnte?

Jürgen Habermas schrieb von der Publizität als Voraussetzung von Öffentlichkeit. Und diese definierte er als das zivile Gegenüber von Herrschaft mit dem Ziel, Herrschaft überhaupt aufzulösen.

Ich frage mich – und er tut es inzwischen selbst ja auch: Brauchen wir ein kritisches Gegenüber für die Herrschaft der neuen Öffentlichkeit? – Brauchen wir eine globale Verständigungsgemeinschaft?

Vor allem brauchen wir den Ort, wo genau diese Fragen hingehören.

Genug von meiner Seite. Es ist mal wieder spannend, Zeitgenosse zu sein.

Ich freue mich auf den Vortrag von Frau Prof. Dr. Caja Thimm. Ihr Forschungsprojekt verspricht eine Fülle von Erkenntnissen, die nicht mehr auf Vermutungen angewiesen sind. Ich für meinen Teil bin ganz sicher: So ahnungslos wie ich gekommen bin, werde ich nicht wieder gehen.

Übrigens, bevor wir sie dämonisieren: Die Neuen Medien sind sehr verletzlich. Ein größerer Sonnensturm kann sie abschalten. Man kann es auch selber gelegentlich tun. Ich hab’s versucht. Es geht. – Es gibt nämlich ein neues Menschenrecht: Das Recht auf Unerreichbarkeit.

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